Wettkampf - Sport

Wie und mit welcher Geisteshaltung können wir von sportlichen Wettkämpfen profitieren? Sri Chinmoy legt dar, wie wir - egal ob wir siegen oder verlieren - Freude beim sportlichen Wettstreit empfinden können.

Worin besteht der spirituelle Sinn sportlicher Wettkämpfe?

Sri Chinmoy: Unser Ziel besteht nicht darin, der beste Athlet der Welt zu werden. Unser Ziel besteht darin, den Körper fit zu halten, Dynamik zu entwickeln und dem Vitalen unschuldige Freude zu geben. Im sportlichen Wettbewerb sollte unser vorrangiges Ziel darin bestehen, uns selbst zu übertreffen und nicht andere. Wenn wir im äußeren Leben mit unseren Freunden laufen, sehen wir, wer tatsächlich der Beste ist. Ohne einen Vergleichswert können wir unsere eigene Fähigkeit schlecht einschätzen. An sportlichen Wettkämpfen nehmen wir nicht teil, um andere zu besiegen, sondern um unsere eigene Fähigkeit hervorzubringen. Unsere größte Fähigkeit kommt zum Vorschein, wenn wir mit anderen zusammen sind. Sie inspirieren uns, unser Äußerstes zu geben und wir inspirieren sie, ihr Äußerstes zu geben. Darum existiert für uns sportlicher Wettbewerb.
Wenn es uns gelingt an sportlichen Wettbewerben mit voller Hingabe teilzunehmen, erhalten wir große Freude und machen wirklichen spirituellen Fortschritt. Doch sobald wir uns auf egoistische Weise an anderen messen, leiden wir äußerlich und innerlich. In diesem Fall werden wir vom Höchsten, dem Supreme, keinen Segen erhalten, auch wenn wir als Erster in das Ziel einlaufen und wenn wir nicht als Erster durchs Ziel gehen, werden wir uns selbst verfluchen.

Wie sollte meine Haltung sein, wenn ich in einem Rennen nicht gewinne?

Sri Chinmoy: Wie bei Kindern lernen wir nur nach wiederholtem Hinfallen zu gehen. Wir werden schnellere Läufer, nachdem wir viele Rennen verloren haben. Wenn ich beobachte, dass ein anderer das Rennen gewinnt und ich mich dabei schlecht fühle, wird mir das kaum helfen. Aber wenn ich seine Geschwindigkeit bewundern kann, wird automatisch etwas von seiner Fähigkeit in mich eintreten. Durch aufrichtige Bewunderung erhalten wir neue Fähigkeiten. Wenn ich sehe, dass jemand am schnellsten läuft, fühle ich, dass ich diese Person bin. Dadurch, dass du dich mit dem Erfolg anderer Menschen identifizierst, anstatt sie zu beneiden, erhältst du sehr viel mehr Freude im Leben. Und wenn du dich mit ihren Niederlagen identifizieren kannst, wirst du Mitgefühl und Verständnis lernen, die deine eigenen Erfahrungen noch bereichern.

Aus dem Buch: Sport und Meditation

Aber was sagen Sie zum Wettkampf-Aspekt im Sport? Ist das nicht auch eine Form, Überlegenheit zu demonstrieren?

Sri Chinmoy: Wenn wir noch nicht dazu bereit sind, die höchste Philosophie anzunehmen, sagen wir zu uns selbst: „Wenn ich nicht fit bin, werde ich unfähig sein, andere zu besiegen.“ Mit diesem Gedanken im Kopf versuchen wir wenigstens, unseren Körper fit zu halten. Doch vom höchsten Standpunkt aus betrachtet ist unser Ziel nicht, jemand anderen zu besiegen, sondern nur mit uns selbst zu wetteifern. Wenn wir gegen andere wettstreiten, sind wir nie glücklich. Heute mag ich jemanden im Laufen besiegen, doch morgen blicke ich mich um und sehe, dass es jemanden gibt, der viel besser ist als ich. Ganz gleich, was wir tun, es wird immer jemanden geben, der besser ist. In diesem Moment kann ich der Beste sein, doch schon im nächsten Moment wird ein anderer kommen und meinen Stolz brechen, und ich werde mich elend fühlen.
Wenn ich aber nur mit mir selbst wetteifere, werde ich stets enorme Freude erhalten. Gestern erreichte ich ein gewisses Niveau, doch heute habe ich dieses Niveau verbessert. Gestern hatte ich eine bestimmte Anzahl von Schwächen oder Fehlern in meinem Wesen, doch heute werde ich mein Bestes versuchen, um einige Fehler weniger zu haben. Auf diese Weise mache ich ständig Fortschritt und bin stets glücklich. Dabei gibt es keine dritte Person, die die beiden Wettkämpfer beurteilt. Ich selbst bin mein Richter. Ich weiß, wie viele Lügen ich gestern erzählt habe, und so werde ich die Anzahl heute verringern. Und wenn ich gestern fünf Minuten lang gebetet habe, werde ich heute versuchen, zehn Minuten lang zu beten. Ich werde versuchen, mehr gute und weniger schlechte Dinge zu tun. So wetteifere ich nur mit mir selbst. Im Sport ist es ebenso; unser Ziel ist es, unser Bestes zu geben und ständig zu versuchen, nur gegen uns selbst zu kämpfen. Doch wie auch immer das Resultat aussieht, wir müssen es fröhlich annehmen. Wir werden unser Bestes geben und dann werden wir jedes Resultat, das Gott uns geben will, annehmen.

Laufend zur Selbstentdeckung

Sich laufend selbst entdecken.
Sportliche Wettkämpfe haben mir schon seit jeher große Freude bereitet. Vor allem Volksläufe über die klassischen Distanzen von zehn Kilometern oder Halbmarathon. Dabei steht die Idee der Selbst-Transzendenz für mich im Vordergrund. Ein wenig schneller als das letzte Mal zu sein, ein bisschen besser und kraftvoller die Distanz bewältigen zu können. Natürlich, wenn ein vorderer Platz im Bereich des Möglichen ist, weshalb nicht? Jedoch das Wichtigste ist die Selbst-Verbesserung, der Wettbewerb und das Ringen mit meinen eigenen Möglichkeiten. Dies ist auch die Philosophie des Integralen Yogas, dem ich schon etwa 15 Jahre lang folge. Und wo könnte diese Philosophie auch plastischer erfahren werden, als bei einem sportlichen Wettkampf?

Selbstentdeckung in Wald und Flur.
Stadtläufe sind schön, Landschaftsläufe sind schöner - zumindest in meinen Augen. Ein kleiner Bach, der ruhig dahinplätschert. Die grüne Wiese neben dichtem Waldgebiet. Erhebungen, Senkungen und weicher Sandboden machen die Selbstentdeckung zum wahren Genuss. Dies scheinen viele Menschen ähnlich zu sehen. Man muss nur die stetig ansteigenden Teilnehmerzahlen solcher Läufe beobachten. Und sicherlich ist es, ob bewusst oder unbewusst, das Bestreben, die eigenen Leistungsgrenzen auszuloten, die die Menschen hin zu solchen Veranstaltungen führt. Wenn dies dann auch noch in schöner Umgebung möglich ist, sozusagen dem Olympia vor der Haustür, höher, schneller, weiter, macht es natürlich doppelt Spaß. Man läuft sozusagen der persönlichen Selbstentdeckung entgegen - entdeckt sich laufend selbst.

(Siehe auch Web-Log zur Selbst-Transzendenz von Kai Keller)

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