Yoga
Was bewirken Yogaübungen und was nicht? Wie lange sollte man Yogaübungen vor der Meditation ausführen? Was bedeutet der Begriff Yoga und welche Formen und Stufen des Yoga gibt es? Mit seinen Antworten macht Sri Chinmoy die Wirkungsweise von Yoga klar verständlich, erklärt den Begriff „Yoga" und gibt hilfreiche Empfehlungen.
Fragen
- Ist Hatha-Yoga zur Konzentration, Meditation und Kontemplation notwendig? Ist es für die Gott-Verwirklichung unerlässlich?
- Kann man sagen, dass für die Menschen im Westen Asanas als Entspannungsmethode wichtiger sind als für die Menschen im Osten, weil die Bevölkerung Indiens und des Orients von Natur aus mehr Frieden im Verstand besitzen als wir?
- Wenn man beides macht, sowohl Meditation als auch Hatha-Yoga-Übungen, sollte man in dem Fall vor den Übungen meditieren?
- Du sagst, du lehrst Yoga. Könntest du mir bitte erklären, was Yoga ist?
- Was ist Yoga?
- Die Stufen des Yoga
- Bhakti-Yoga
- Karma-Yoga
- Jnana-Yoga
Gedanken
Ist Hatha-Yoga zur Konzentration, Meditation und Kontemplation notwendig? Ist es für die Gott-Verwirklichung unerlässlich?
Sri Chinmoy: Wenn dein Körper nicht stark genug ist, dann leidest du heute unter Magenschmerzen, morgen unter Kopfschmerzen und tags darauf wirst du ein anderes Leiden haben. Dann wird es dir natürlich schwerfallen, dich zu konzentrieren oder zu meditieren. Deshalb ist es wichtig, den Körper fit zu halten. Hatha-Yoga-Asanas sind für den Körper viel besser als die kraftvollen Übungen, die wir im Westen kennen. Asanas beruhigen deinen Körper, wenn du sie nicht übertreibst. Wenn man Asanas zu dynamisch ausführt, können sie aggressive Gefühle hervorrufen. Wenn du sie jedoch richtig ausübst, erhältst du eine freundliche, milde und weiche Schwingung.
Hatha-Yoga mag uns spirituell ein wenig helfen, doch wir müssen uns bewusst sein, wo wir uns auf unserer spirituellen Reise befinden. Wenn wir sehr unruhig sind, können wir zu Beginn Hatha-Yoga machen, um zu lernen, wie man ruhig und bewegungslos sitzt.
Doch wenn wir nicht ständig ein Opfer der Rastlosigkeit sind, benötigen wir Hatha-Yoga nicht, auch wenn wir ganz am Anfang stehen. Bei der Meditation treten wir automatisch in einen stillen und ruhigen Zustand ein. Wir sind der Meinung, dass wir durch Hatha-Yoga unser Leben regulieren und disziplinieren zu können. Doch wenn wir richtig meditieren und durch die Meditation Lebensenergie in uns eintritt, wird unser Leben automatisch diszipliniert. Den göttlichen Frieden und das göttliche Licht, das wir brauchen, können wir durch Hatha-Yoga nie, niemals erlangen.
Wie uns Yoga-Übungen Stille und Ruhe bringen, so bringen uns Atemübungen Ausgeglichenheit. Dies ist jedoch kein wirklicher innerer Frieden. Es ist nur eine zeitweilige Ausgeglichenheit. Nur Konzentration, Meditation und Kontemplation bringen uns wirklichen Frieden.
Wenn dein Ziel darin besteht, deinen Körper entspannt und fit zu halten, wird Hatha-Yoga dir mit Sicherheit helfen. Doch wenn du deinen Kurs im inneren Leben erfolgreich beenden möchtest, musst du die Schule der Konzentration, der Meditation und der Kontemplation besuchen. Hatha-Yoga ist wie der Kindergarten, während du die Absicht hegst, einen Universitätsabschluss zu erlangen. Es gibt viele ausgezeichnete Schüler, die nicht in den Kindergarten gingen. Sie haben ihn ausgelassen und sind gleich zur Grundschule gekommen, von wo aus sie auf das Gymnasium und später auf die Universität gewechselt sind.
In Indien gibt es Hunderte und Tausende von wahren Suchern, die niemals irgendwelche Übungen ausgeführt haben. Ich war in einem Ashram, wo ich Übungen für meinen Körper ausführte. Aber sogar in diesem Ashram empfahl der spirituelle Meister den Suchern niemals Asanas, um spirituellen Fortschritt zu machen. In vielen spirituellen Gemeinschaften Indiens werden keine Asanas ausgeführt. Die Sucher beginnen direkt mit innerem Streben und mit Meditation.
Man begeht einen Fehler, wenn man glaubt, dass man als Experte in Hatha-Yoga Gott verwirklichen oder schnellen Fortschritt auf dem Weg zur Gott-Verwirklichung machen kann. Es gibt viele Menschen auf der Erde, die Sport betreiben und ihren Körper top-fit halten. Es gibt Ringer, Akrobaten und Athleten, die einen sehr starken und gesunden Körper besitzen, doch Gott-Verwirklichung ist in dieser Inkarnation nichts für sie. Sie sind körperlich stark, aber ihre spirituelle Stärke interessiert sie nicht. Glücklicherweise oder unglücklicherweise besteht keine direkte Beziehung zwischen physischer Stärke und spiritueller Stärke oder Fähigkeit. In jedem indischen Dorf wohnen eine Anzahl kleiner Jungen, die Hatha-Yoga wesentlich besser vorführen können, als es die Swamis hier im Westen können. Die Natur hat sie gelehrt, Mutter Indien hat sie gelehrt. Aber Gott-Verwirklichung wird für diese kleinen Jungen noch lange ein unerreichbares Ziel bleiben.
Wir müssen wissen, was wir eigentlich wollen. Hatha-Yoga hat uns etwas sehr Begrenztes anzubieten, Meditation bietet uns etwas vollkommen Unbegrenztes an. Wenn du sagst: „Lass mich zuerst das Begrenzte erreichen, in das Unbegrenzte will ich erst zu einem späteren Zeitpunkt wachsen“, so ist das in Ordnung. Wenn du jedoch die Fähigkeit und die Bereitschaft besitzt, direkt in den weiten Ozean zu springen, wird Gott dich nicht darum bitten, in einem Schwimmbad zu schwimmen. Doch wenn dir die Fähigkeit fehlt, gleich in den Ozean zu springen, sagt Gott zu dir: „Geh ins Schwimmbad und genieße es für eine Weile.“
Mein Yoga hat nichts gegen Hatha-Yoga einzuwenden; doch gleichzeitig ist mein Yoga der Ansicht, dass die innere Stärke auch die äußere Stärke zum Vorschein bringen wird. Das heißt, wenn ich Gott wirklich liebe, wird sich mein ewiger Vater der Bedürfnisse meines Körpers annehmen. Er wird mir einen ausreichend kräftigen Körper geben, damit ich meine innere Arbeit fortsetzen kann. Wenn ich bereit bin, mich selbst hinzugeben oder wenn ich meinem Geliebten, meinem Vater, etwas anbiete, wird Er natürlich auch an die Bedürfnisse meines Körpers denken, denn Er weiß, dass es mir nicht möglich ist, Ihn als ein göttliches Instrument zu erfüllen und für Ihn auf der Erde zu arbeiten, solange mir die notwendigen körperlichen Voraussetzungen dafür fehlen.
Wenn du willst, kannst du täglich fünf bis zehn Minuten lang Asanas machen, um den Körper fit zu halten. Wenn du jedoch vor dem Meditieren zwei Stunden Hatha-Yoga-Übungen machst, dann ist das reine Zeitverschwendung.
Kann man sagen, dass für die Menschen im Westen Asanas als Entspannungsmethode wichtiger sind als für die Menschen im Osten, weil die Bevölkerung Indiens und des Orients von Natur aus mehr Frieden im Verstand besitzen als wir?
Sri Chinmoy: Bis zu einem gewissen Grad ist es wahr, dass im Westen größere Angespanntheit herrscht und die westlichen Menschen mehr Frieden im Verstand brauchen. Aber im Osten und vor allem in Indien herrscht große Armut, und auch diese Armut schafft Ängste, Sorgen, Anspannung und Aufruhr.
Asanas helfen dem Körper sich zu entspannen. Sie sind ein sehr gutes Mittel, um den Körper gelöst und in guter Verfassung zu halten. Aber du wirst enttäuscht werden, wenn du Frieden im Verstand durch die Entspannung des Körpers erwartest. Die Entspannung, die du durch das Ausführen der Asanas erhältst, ist kein wahrer Frieden. Wenn du unendlichen ewigen Frieden oder eine Änderung deines inneren Bewusstseins erhalten willst, können dir Asanas nicht viel helfen.
Wenn man beides macht, sowohl Meditation als auch Hatha-Yoga-Übungen, sollte man in dem Fall vor den Übungen meditieren?
Sri Chinmoy: Es empfiehlt sich, die Hatha-Yoga-Übungen vor der Meditation zu machen. Nach dem Ausführen der Hatha-Yoga-Übungen solltest du dich etwa fünfzehn Minuten lang ausruhen, indem du dich hinlegst. Danach kannst du meditieren. Führe bitte nicht mehr als fünf oder sechs Übungen am Tag aus. Diejenigen, die täglich meditieren, sollten nicht länger als eine halbe Stunde, im Höchstfall eine Stunde Hatha-Yoga machen. Du kannst jeden Tag einige grundlegende Übungen und zusätzlich einige andere machen, doch die Übungszeit sollte nicht mehr als eine halbe Stunde betragen. Nach eineinhalb Stunden Hatha-Yoga wird es dir ungemein schwer fallen, in die Meditation einzutreten.
Du sagst, du lehrst Yoga. Könntest du mir bitte erklären, was Yoga ist?
Sri Chinmoy: Yoga bedeutet Vereinigung, die bewusste Vereinigung des Menschen mit Gott. Yoga ist die spirituelle Wissenschaft, die uns lehrt, wie die letzte Wirklichkeit hier im Leben erkannt und verwirklicht werden kann.
Yoga ist die Sprache Gottes. Wenn wir mit Gott sprechen wollen, müssen wir Seine Sprache lernen.
Yoga sagt uns, dass wir und Gott je eine göttliche Eigenschaft besitzen: wir haben Strebsamkeit, und Gott hat Mitleid. Yoga ist das gemeinsame Bindeglied zwischen unserer Strebsamkeit und Gottes Mitleid.
Unser menschliches Leben ist voller Zweifel, Furcht und Frustration. Yoga hilft uns, Furcht durch unbezwingbaren Mut, Zweifel durch absolute Gewissheit und Frustration durch goldenes Gelingen zu ersetzen.
Yoga ist nichts Abnormales oder Übernatürliches. Yoga ist etwas Praktisches, Natürliches und Spontanes. Im Augenblick wissen wir nicht, wo Gott ist und wie Er aussieht, aber durch das Üben von Yoga schauen wir Gott unmittelbar. So wie wir in der materiellen Welt Erfolg erlangen, indem wir uns in einer Tätigkeit ständig üben, so erreichen wir auch in der spirituellen Welt durch Üben des Yoga das Ziel der Ziele: Gottverwirklichung.
Yoga ist weder eine Philosophie noch eine Religion. Yoga umfasst sowohl Philosophie wie Religion und geht zugleich über beide hinaus. Religion und Philosophie können einen Menschen bis zu Gottes Palast bringen, aber Yoga führt den Strebenden zu Gottes Thron.
Yoga steht zu keiner Religion im Widerspruch. Der ernsthafte Sucher, der sich der Spiritualität und dem Yoga widmet, wird keine Schwierigkeiten haben, in seiner eigenen Religion zu verbleiben. Ich habe Schüler, die Katholiken, Protestanten, Juden usw. sind. Ich rate euch, eure eigene Religion nicht aufzugeben. Es ist am Anfang leichter und sicherer, in seiner eigenen Religion zu bleiben, wenn man Yoga übt. Doch sobald man Gott erkennt, geht man über alle Religionen hinaus. Wenn man tief in sich geht und Gott erkennt, sieht man, dass einem das ganze Universum gehört. Und diese Erkenntnis geht über alle Religionen hinaus.
Religion ist Inspiration. Yoga ist Streben. Göttlichkeit ist Vollendung. Inspiration, Streben und Vollendung können mit Leichtigkeit und fruchtbringend hier auf der Erde in transzendentaler Harmonie blühen.
Was ist Yoga?
Yoga bedeutet Vereinigung: Vereinigung der individuellen Seele mit dem höchsten Selbst.
Karma Yoga, der Pfad der Tat, Bhakti Yoga, der Pfad der Liebe und der Hingabe und Jnana Yoga, der Pfad des Wissens, werden als die wichtigsten Zweige des Yoga betrachtet. Sie bilden die drei Haupttore zu Gottes Palast.
Wenn wir Gott auf die süßeste und intensivste Weise sehen und fühlen wollen, müssen wir Bhakti Yoga praktizieren. Wenn wir Gott in der Menschheit durch unseren selbstlosen Dienst verwirklichen wollen, müssen wir Karma-Yoga betreiben. Wenn wir die Weisheit und die Herrlichkeit von Gottes transzendentalem Selbst verwirklichen wollen, müssen wir Jnana-Yoga betreiben.
Die Neigung zum Dienen, die Neigung zur Hingabe und die Suche nach Wissen werden uns gemeinsam helfen, einen ausgewogenen Fortschritt zu erzielen. Doch zu einem gewissen Zeitpunkt in unserem Leben müssen wir diejenige Neigung finden, die uns die größte Inspiration schenkt und ihr am meisten Gewicht zumessen. Die Veranlagung unserer Seele bestimmt die Art und Weise, durch die wir hier auf der Erde zum Fortschritt inspiriert werden.
Ein Sucher, der nur Gott, Gottes Licht und die höchste Wahrheit anstrebt, sollte nur einem Pfad folgen und das ist der Pfad des Sich selbst Darbringens, der Selbsthingabe, des ständigen Sich-selbst-Gebens. Wenn du das Unendliche, das Absolute verwirklichen willst, dann folge dem Pfad der beständigen und bedingungslosen Selbsthingabe.
Yoga ist keine Religion. Yoga übersteigt alle Religionen. Yoga ist etwas wesentlich Tieferes als Religion. Yoga ist der Lebensatem, der uns zeigt, dass Gott in uns, von uns und für uns ist. Yoga ist unmittelbare, innige Zwiesprache mit Gott. Yoga lehrt uns Einssein mit Gott. Zugleich ist er die Sprache unseres inneren, spirituellen Lebens. Im Augenblick spreche ich Englisch, um meine Gefühle, Gedanken und Ideen zum Ausdruck zu bringen. Yoga ist die Sprache, die ich gebrauche, wenn ich mit Gott kommunizieren will.
Wer eignet sich zum Yoga? Alle Menschen ohne Ausnahme eigenen sich zum Yoga. Der kleinste Tropfen hat das Recht, den grenzenlosen Ozean als sein eigen zu betrachten.
Die Stufen des Yoga
Im klassischen Yoga gibt es acht wichtige Schritte, die einen Sucher zu seinem Ziel führen. Diese Schritte sind:
Yama: Selbstbeherrschung und moralische Enthaltsamkeit.
Niyama: strenge Beobachtung von Verhalten und Charakter.
Asanas: verschiedene Körperhaltungen, die uns helfen, in ein höheres Bewusstsein einzutreten.
Pranayama: systematisches Atmen, um den Verstand zu zügeln.
Pratyahara: das Sich-Zurückziehen aus den Sinnen.
Dharana: die Konzentration unseres Bewusstseins auf Gott, zusammen mit allen Teilen unseres Körpers.
Dhyana: Meditation, der unermüdliche Schnellzug, der dem Ziel entgegeneilt.
Samadhi: Versenkung, das Ende des Tanzes der Natur, das völlige Eintauchen unseres individuellen Bewusstseins in das unendliche Bewusstsein des Transzendenten, der alles übersteigenden höchsten Wirklichkeit, des Supreme.
Bhakti-Yoga
Sri Chinmoy: Sag jemanden, er solle über Gott sprechen, und er wird nicht mehr aufhören. Sag einem Bhakta, er solle über Gott sprechen, und er wird nur zwei Sätze sagen: Gott ist All-Zuneigung, Gott ist All-Süße. Der Bhakta geht noch einen Schritt weiter. Er sagt: „Ich kann versuchen ohne Brot zu leben, aber nie kann ich ohne die Gnade meines Herrn leben.“
Das Gebet eines Bhaktas ist sehr einfach: „O mein Herr, tritt ein in mein Leben mit Deinem schützenden Auge und Deinem mitleidigen Herzen.“ Dieses Gebet ist der schnellste Weg, an Gottes Türe zu klopfen und auch der leichteste Weg, um zu sehen, wie sich die Türe zu Gott öffnet.
Ein Karma Yogin und ein Jnana Yogin mögen einen Moment lang Zweifel an Gottes Existenz hegen. Aber ein Bhakta kennt kein Leiden dieser Art. Für ihn ist die Existenz Gottes eine axiomatische Wahrheit. Mehr noch, sie ist das spontane Gefühl seines Herzens. Aber ach, auch er unterliegt einer Art Leiden. Sein Leiden ist das Getrenntsein von seinem Geliebten. Mit seines Herzens Tränen der Selbst-Hingabe ruft er nach der Wiederherstellung seiner süßen Vereinigung mit Gott.
Der begründende Verstand vermag den Bhakta nicht zu entzücken. Die harten Fakten des Lebens vermögen seine Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehen, geschweige denn, ihn zu absorbieren. Er will ständig in einem Gott-berauschten Reich leben.
Wenn ein Bhakta zu Gott geht, fühlt er, dass Gott ihm entgegeneilt. Er fühlt, dass Gott eine Stunde lang nach ihm ruft, wenn er eine Sekunde lang an Gott denkt. Er fühlt, dass Gott ihn im Meer Seiner ambrosialen Liebe empfangen wird, wenn er mit einem Tropfen seiner Liebe zu Gott geht, um dessen unaufhörlichen Durst zu löschen.
Die Beziehung zwischen einem Verehrer und Gott kann nur gefühlt, nie beschrieben werden. Gott mag glauben, dass kein Mensch auf der Erde Ihn je einfangen könne, da Er unbezahlbar und von unschätzbarem Wert sei. Ach, Er hat vergessen, dass Er Seinem Bhakta bereits Ergebenheit gewährt hat. Zu Seinem großen Erstaunen, zu Seiner tiefsten Freude vermag die hingebungsvolle Andacht Seines Verehrers Ihn einzufangen.
Es gibt Leute, die sich über den Bhakta lustig machen. Sie sagen, dass der Gott eines Bhaktas nichts als ein persönlicher Gott sei, ein unendlicher Gott mit Form, ein verherrlichtes Wesen. Jene Leute frage ich: „Warum sollte ein Bhakta nicht so fühlen? Ein Bhakta fühlt sich aufrichtig als kleinen Tropfen und Gott als unendlichen Ozean. Er fühlt, dass sein Körper ein winziger Teil von Gott, dem grenzenlosen Ganzen ist. Ein Bhakta denkt an einen Gott und betet zu einem Gott nach seinem eigenen Bilde. Und er hat völlig recht. Versetzt euch einmal in das Bewusstsein einer Katze und ihr werdet sehen, dass ihre Vorstellung eines allmächtigen Wesens die Form einer Katze annimmt - einfach in gigantischer Größe. Oder versetzet euch in das Bewusstsein einer Blume, und ihr werdet erkennen, dass die Vorstellung der Blume von etwas, das unendlich viel schöner ist als sie selbst, die Gestalt einer Blume annimmt.
Der Bhakta tut dasselbe. Er weiß, dass er ein Mensch ist und glaubt, dass sein Gott im wahrsten Sinne des Wortes menschlich sein sollte. Nach seiner Überzeugung besteht der einzige Unterschied darin, dass er ein begrenztes und Gott ein unbegrenztes menschliches Wesen ist. Für einen Bhakta ist Gott zugleich voller Glückseligkeit und Gnade. Die Freude seines Herzens gibt ihm das Gefühl, dass Gott voller Glückseligkeit ist und in den Qualen seines Herzens fühlt er, dass Gott gnädig ist.
Ein Vogel singt. Ein Mensch singt. Auch Gott singt. Er singt seine süßesten Lieder der Unendlichkeit, der Ewigkeit und der Unsterblichkeit durch das Herz Seines Bhaktas.
Karma-Yoga
Karma-Yoga ist wunschloses Handeln um des Höchsten willen. Karma-Yoga ist die volle Annahme unserer irdischen Existenz. Karma-Yoga ist der furchtlose Marsch des Menschen durch das Schlachtfeld des Lebens.
Karma-Yoga ist nicht gleicher Meinung mit jenen, die die Tätigkeiten des menschlichen Lebens für unwichtig halten. Karma-Yoga erklärt, das Leben sei eine göttliche Gelegenheit, Gott zu dienen. Dieser Yoga ist nicht nur der Yoga äußerer Taten, sondern schließt auch das moralische und innere Leben des Strebenden mit ein.
Jene, die diesem Pfad folgen, beten für einen starken und vollkommenen Körper. Sie beten auch für ein langes Leben. Dieses lange Leben ist nicht nur eine bloße Verlängerung des Lebens in Form von Jahren. Es ist ein Leben, das sich nach der Herabkunft der göttlichen Wahrheit, des göttlichen Lichtes und der göttlichen Macht in die materielle Ebene sehnt. Karma-Yogins sind die wirklichen Helden auf der irdischen Bühne, und ihnen gehört der göttlich-triumphierende Sieg.
Einem Karma-Yogin sind die Wellen der Enttäuschung und Verzweiflung im menschlichen Leben vollkommen fremd. Er sieht im Leben und in seiner Tätigkeit einen göttlichen Sinn. Er fühlt sich selbst als Bindeglied zwischen irdischen Pflichten und himmlischer Verantwortung. Er besitzt viele Waffen, um die Welt zu besiegen, aber sein Nicht-Verhaftetsein ist die mächtigste. Sein Nicht-Verhaftetsein trotzt sowohl den zerschmetternden Schlägen des Misserfolgs, wie den schmeichelnden Wogen des Erfolges. Sein Nicht-Verhaftetsein ist weit jenseits der Schlingen qualvollen Leidens und jenseits der Umarmung erregender weltlicher Freuden.
Viele aufrichtig Strebende haben das Gefühl, dass die ergebenen Gefühle eines Bhakta und das durchdringende Auge eines Jnani im Karma-Yoga keinen Platz haben. Doch hier haben sie sich geirrt. Ein wahrer Karma-Yogin ist, dessen Herz innig an Gott glaubt, dessen Verstand sich Gottes ständig gewahr ist und dessen Körper Gott in der Menschheit ehrlich liebt.
Es ist leicht für einen Bhakta, die Welt zu vergessen, und für einen Jnani, die Welt zu ignorieren. Aber die Bestimmung eines Karma-Yogins ist anderes. Gott will, dass er in der Welt, mit der Welt und für die Welt lebt.
Jnana-Yoga
Gott hat drei Augen. Ihre Namen sind Bhakti, Karma und Jnana. Bhakti will in der intimsten Wahrheit seines Vaters leben. Karma will in der allesdurchdringenden universellen Wahrheit leben. Jnana will in der transzendentalen Wahrheit seines Vaters leben.
Der Mensch der Selbst-Hingabe braucht Gottes Schutz. Der Mensch der Tat braucht Gottes Führung. Der Mensch des Wissens braucht Gottes Unterweisung. Der Glaube des Bhaktas an Gott und die Liebe des Karma-Yogins zur Menschheit interessieren einen Jnana-Yogin nicht und inspirieren ihn noch weniger. Er will nichts als den Verstand. Er kämpft mit seiner geistigen Kraft für die persönliche Erfahrung der höchsten Wahrheit. Er denkt sich Gott als die Quelle des Wissens. Er glaubt, dass er sein Ziel durch seinen Verstand erreichen werde. Am Anfang seines Pfades glaubt er, nichts sei so wichtig wie die Erfüllung des Verstandes. Mit der Zeit kommt er zur Erkenntnis, dass er den Verstand transzendieren muss, wenn er im höchsten Wissen leben will.
Das Leben ist ein Mysterium, der Tod auch. Ein Jnana-Yogin will diese zwei scheinbar unlösbaren Mysterien der Schöpfung Gottes ergründen. Auch will er Leben und Tod überwinden und im Herzen der höchsten Wirklichkeit verbleiben.
Der Mensch lebt in der Sinneswelt. Er weiß nicht, ob diese Welt wirklich oder unwirklich ist. Ein gewöhnlicher Mensch ist mit seiner eigenen Existenz zufrieden. Er hat weder die Denkfähigkeit noch ein aufrichtiges Interesse daran, tiefer in die Bedeutung des Lebens einzudringen. Er will den Problemen von Leben und Tod ausweichen. Leider gibt es keine Flucht. Er muss im Meer der Unwissenheit schwimmen. Nur ein Jnana-Yogin kann ihn lehren, wie er über das Meer der Unwissenheit schwimmen und in das Meer des Wissens und des Lichts gelangen kann. Ein Jnana-Yogin sagt: „Neti, neti.“ „Nicht dies, nicht dies.“ Was meint er damit? Er meint damit, dass es eine höhere Welt als diese Sinneswelt, dass es eine höher Wahrheit als diese erdgebundene Wahrheit gebe. Er sagt, es gebe gleichsam zwei sich gegenüberstehende Parteien. Die eine bestehe aus Falschheit, Unwissenheit und Tod. Die andere Partei bestehe aus Wahrheit, Wissen und Unsterblichkeit. Währenddem er „neti, neti“ ausspricht, bittet er den Menschen, die Falschheit zurückzuweisen und die Wahrheit anzunehmen, die Unwissenheit zurückzuweisen und das Wissen anzunehmen, den Tod zurückzuweisen und die Unsterblichkeit anzunehmen.
Alles Leben ist Yoga
Yoga ist das ganze Leben.
"Alles Leben ist Yoga" sagte der große spirituelle Lehrer Sri Aurobindo einmal. Mich hat dieser Satz schon immer sehr angesprochen. Vielleicht auch deshalb, weil ich nicht der große "Meditierer" bin, der stundenlang seinen inneren Übungen nachgeht. Nein, es ist vor allem der so genannte Alltag, dem meine besondere Aufmerksamkeit gilt. Aus diesem Grund habe ich mich vor über 15 Jahren auch für den modernen Integralen Yoga entschieden.
Yoga heißt Verbindung.
Das Wort Yoga kommt aus dem Sanskrit, einer uralten indischen Sprache, und bedeutet ganz einfach Joch. Ein Ochsen- oder ein Pferdegespann wird durch ein Joch verbunden. Daher verbindet der Yoga Mensch und Gott. Eine passende und schöne Bezeichnung, wie ich finde. In der Meditation, der inneren Versenkung, baue ich diese Verbindung, dieses Joch auf. Aber es muss auch im Alltag mit seinen täglichen 24 Stunden Bestand haben. Erst dann kann ich wirklich davon sprechen, Yoga zu betreiben. Erst dann habe ich tatsächlich eine konstante und bleibende Verbindung zum Göttlichen aufgebaut.
(Siehe auch Web-Log zur Selbst-Transzendenz von Kai Keller)
Yoga: Symbiose von Kraft und Stille
Manhattan in der Abenddämmerung.
Die Sonne war längst am dämmrigen Horizont verschwunden und hatte einem unwirklichen Großstadtlicht Platz gemacht. Die müden Augen der überdimensionalen Hochhausriesen blickten stumm in die verblassende Ferne. Doch schon bald wurden auch sie vollkommen eins mit der friedlich einbrechenden Nacht, die mit mildem Drängen ihre kraftvollen Lider sanft verschloss.
Nur hier unten, in den engen Asphaltschluchten Manhattans, wollte der Tag nicht zu Ende gehen. Denn nach wie vor zogen unzählige grellgelbe New Yorker Taxen die schnurgeraden, kilometerlangen und breiten Avenues entlang, die vom Leben tausender größerer und kleinerer Geschäfte pulsierten. Ein stetiger Strom von Passanten durchspülte sie, ein konstantes Kommen und Gehen.
Einer davon war ich. Aus den Tiefen des gigantischen New Yorker U-Bahn-Systems kommend, suchte ich nach einem Ort, welcher Ruhe und Stille in diesem Meer von Kraft und Lebendigkeit versprach. Und schon bald war ich am Ziel angekommen, einem kleinen Konzerthaus, inmitten der heimlichen Hauptstadt der Welt.
Ruhe im Herzen der Betriebsamkeit.
Sanfte, meditative Klänge erfüllten den Raum. Sie wechselten sich ab mit kraftvollen Improvisationen auf Synthesizer und Klavier. Irgendwie passte diese Kombination wunderbar zum stets lebendigen New York, sowie zu dem, was man normalerweise unter Meditationsmusik versteht. Und auch der Vortragende war ein vollkommenes Beispiel dieser Symbiose von Ost und West, von innerem Frieden und äußerer Dynamik - der spirituelle Lehrer Sri Chinmoy.
Integral oder allumfassend heißt daher nicht zuletzt der von ihm gelehrte innere Pfad. Und irgendwie kamen mir jetzt auch wieder die Hochhausriesen in den Sinn, wie sie mit ihrer kraftvollen Ausstrahlung vom Frieden der Abenddämmerung umgriffen worden waren. Denn als der letzte Ton des Konzertes verklungen war, wehte ein fühlbarer Hauch der Ruhe durch den Raum. Ein Hauch, der wie schwerelos den Hochhausriesen zu folgen schien - bis in die losgelöste Freiheit der kraftvollen Stille.
(Siehe auch Web-Log zur Selbst-Transzendenz von Kai Keller)
