Vegetarische Ernährung und Meditation
Warum ist es wichtig keinen Fisch und kein Fleisch zu essen, wenn man erfüllende Meditationserfahrungen sucht? Gilt dasselbe für Eier und Milchprodukte? Sri Chinmoy beschreibt die Wirkung von Fleisch und Fisch sowie einigen anderen Nahrungsmitteln auf unser Bewusstsein.
Fragen
- Wie beeinflussen uns die tierischen Eigenschaften, die wir durch Fleisch zu uns nehmen? Wie geht diese Beeinflussung vor sich?
- Eine vegetarische Ernährung ist also nicht nötig, um Gott zu verwirklichen?
- Wenn ein Mensch weiß, dass er auf Gottes Weg ist, würde ihm Fleisch dann nicht automatisch von innen her widerstreben?
- Ist es notwendig vegetarisch zu leben, wenn man ein spirituelles Leben führen will?
- Ist vom spirituellen Standpunkt aus gesehen das Essen von Fisch genauso schädlich wie das Essen von Fleisch?
- Wie verhält es sich mit Eiern, Milch und Milchprodukten?
- Frage: Ich habe in einem Buch über Makrobiotik gelesen, dass es nicht gut sei Kartoffeln und Tomaten zu essen. Könntest du mir sagen, ob das stimmt?
- Wie stellt man am besten auf vegetarische Ernährung um, wenn man gewohnt ist, Fleisch und Fisch zu essen?
- Was für eine Art Nahrung sollten wir zu uns nehmen, um Reinheit zu erlangen?
Gedanken
Wie beeinflussen uns die tierischen Eigenschaften, die wir durch Fleisch zu uns nehmen? Wie geht diese Beeinflussung vor sich?
Sri Chinmoy: In uns sind stets einige negative Kräfte. Wenn negative Kräfte der äußeren Welt wie Unruhe, falsche Gedanken und emotionales Verlangen in uns eindringen, kommen sofort die unerleuchteten Emotionen des niederen Vitalen zum Vorschein, die bereits in uns sind, und antworten auf die falschen Kräfte, die in uns eingedrungen sind. Dann verbinden sich die negativen Kräfte aus dem Inneren mit den falschen Kräften, die in uns eingedrungen sind und wir fallen ihnen zum Opfer.
Unruhe, negative und vitale Kräfte haben ihre Wurzel in der Nabelgegend. Wenn wir uns fünf Minuten auf unseren Nabel konzentrieren, wird unser Wille so direkt und machtvoll wie ein Pfeil und die falschen Kräfte werden unter Kontrolle gebracht. Sie sehen die Macht unserer Konzentration, sie sehen, dass wir sie zerteilen werden, wenn sie für uns Probleme schaffen. Wenn wir die falschen Kräfte, die bereits in uns sind, unter Kontrolle halten können, dann wird es den Kräften, die wir beim Essen von Fleisch aufnehmen, nicht gelingen, Unruhe zu stiften.
Mein Wunsch ist, dass alle meine Schüler letztlich aufhören Fleisch zu essen. Wenn ihr auf Fleisch verzichtet wird euer inneres Streben verbessert. Ansonsten erhaltet ihr gewöhnlich keine subtilen Erfahrungen, Visionen und Verwirklichungen. Es gab zwar einige spirituelle Meister wie Vivekananda und andere, die Fleisch gegessen haben. Doch sie konnten es tun, weil sie in der spirituellen Welt wie brüllende Löwen waren. Sie wurden von den Kräften, die im Fleisch sind, nicht beeinflusst.
Ich möchte meinen Schülern keine strenge vegetarische Ernährung vorschreiben, jeder soll für sich selbst wählen. Wenn der Arzt jemandem rät, während eines kürzeren Zeitraums Fleisch und Fisch zu essen, weil es absolut notwendig sei, so muss diese Person den Rat des Arztes befolgen. Wenn man jedoch das Absolute, das Höchste, die Selbstverwirklichung will, gilt generell, dass man aufhören sollte, Fleisch und Fisch zu essen. Wenn es dir möglich ist, höre heute noch auf. Wenn es aber ein Jahr, zehn oder zwanzig Jahre dauert, dann höre schrittweise auf. Wenn du verwirklicht bist, kannst du Fleisch und Fisch essen, wenn du willst. Doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird das tierische Bewusstsein, das im Fleisch steckt, dem aufrichtigen und ergebenen Sucher nicht erlauben, in sein höchstes und tiefstes Bewusstsein einzutreten.
Eine vegetarische Ernährung ist also nicht nötig, um Gott zu verwirklichen?
Sri Chinmoy: Man kann Gott nicht einfach dadurch verwirklichen, dass man sich vegetarisch ernährt. Das ist unmöglich. Es gibt viele Menschen, die streng vegetarisch leben, aber es gibt nicht sehr viele Menschen auf der Erde, die Gott verwirklicht haben. In Indien müssen alle Witwen aus angesehenen Familien vegetarisch leben. Wenn man jedoch alle indischen Witwen zusammen zählt, wird man nicht viele gottverwirklichte Seelen unter ihnen finden. Solange diese Frauen nicht völlig aufrichtig und ergeben meditieren, werden sie kaum spirituellen Fortschritt machen.
Du wirst Gott keineswegs über Nacht verwirklichen, weil du aufhörst Fleisch und Fisch zu essen. Von einem so geringen Aufwand darfst du keine so große Wirkung erwarten. Doch dein inneres Streben wird wachsen und auch deine milden, sanften und strebenden Eigenschaften werden schneller zum Vorschein kommen. Es hängt alles davon ab, wie schnell man Fortschritt machen will. Wenn du fühlst, dass jede Sekunde zählt, wenn du fühlst, dass dein Ziel kein Ende hat, dann ist es das Beste, du erreichst die Dinge, die vor dir liegen, so schnell wie möglich.
Wenn ein Mensch weiß, dass er auf Gottes Weg ist, würde ihm Fleisch dann nicht automatisch von innen her widerstreben?
Sri Chinmoy: Du beurteilst andere aus deiner Sicht. Swami Vivekananda und andere spirituelle Größen haben bis an ihr Lebensende Fleisch gegessen. Wir können nicht behaupten, dass uns Swami Vivekananda spirituell oder in irgendeiner anderen Weise unterlegen war. Es gibt spirituelle Größen, die sowohl vor als auch nach ihrer Verwirklichung Fleisch gegessen haben. Du hast die Erfahrung gemacht, dass dir Fleisch widerstrebte, sobald du tief nach innen gingst und du ein gewisses Stadium erreicht hattest. Dies ist jedoch keine zwingende Erfahrung.
Ist es notwendig vegetarisch zu leben, wenn man ein spirituelles Leben führen will?
Sri Chinmoy: Die vegetarische Lebensweise spielt im spirituellen Leben eine wichtige Rolle. Für den Strebenden ist Reinheit von größter Wichtigkeit. Wir müssen diese Reinheit im physischen, vitalen und mentalen Bereich fest verankern. Wenn wir Fleisch essen, dringt das aggressive tierische Bewusstsein in uns ein. Unsere Nerven werden erregt und rastlos. Das kann unsere Meditation stören. Wenn ein Sucher nicht aufhört, Fleisch zu essen, wird er normalerweise keine subtilen Erfahrungen, subtilen Visionen oder subtilen Verwirklichungen haben. Es gab eine Zeit, zu der das tierische Bewusstsein für die Bewegung notwendig war. Tiere sind von Natur aus aggressiv, doch zugleich ist hier im Tierbewusstsein ein dynamischer Vorwärtsdrang enthalten. Wenn wir keine tierischen Eigenschaften gehabt hätten, wären wir träge geblieben wie die Bäume oder wir wären im Steinbewusstsein verharrt, in welchem es keine Bewegung, keine Aktivität gibt. Doch leider enthält das tierische Bewusstsein auch viele unerleuchtete und zerstörerische Eigenschaften. Jetzt, da wir das spirituelle Leben beginnen, hat das Tierische seine Rolle gespielt. Vom tierischen Bewusstsein sind wir zum menschlichen Bewusstsein gekommen und nun versuchen wir zum göttlichen Bewusstsein zu gelangen.
Die milden Eigenschaften von Früchten und Gemüse helfen uns, sowohl in unserem inneren Leben als auch in unserem äußeren Leben, die Eigenschaften von Güte, Wärme, Einfachheit und Reinheit zu festigen. Vegetarier zu sein hilft uns also, unser inneres Wesen in seiner eigenen Existenz zu stärken. Innerlich beten und meditieren wir; äußerlich hilft uns die Nahrung der Mutter Erde ebenfalls, indem sie uns nicht nur Energie, sondern auch Strebsamkeit schenkt.
Manche Leute glauben, Fleisch gebe ihnen Kraft. Doch wenn sie tief in sich gehen, entdecken sie, dass es ihre eigene Vorstellung vom Fleisch ist, die ihnen Kraft gibt. Man kann diese Vorstellung ändern und fühlen, dass nicht Fleisch uns Kraft gibt, sondern die spirituelle Energie, die den Körper durchdringt. Diese Energie kommt sowohl von der Meditation als auch von richtiger Ernährung. Die Kraft, die man vom spirituellen Streben und der Meditation erhalten kann, ist unendlich viel stärker als die Kraft, die man vom Fleisch bekommt.
Viele spirituelle Sucher sind zur Erkenntnis gelangt, dass sie als Vegetarier im spirituellen Leben schnelleren Fortschritt machen können. Doch zusammen mit der vegetarischen Ernährung muss man beten und meditieren. Sobald man inneres Streben besitzt, wird die vegetarische Ernährung beträchtlich helfen; die Reinheit des Körpers wird dem inneren Streben helfen, intensiver und seelenvoller zu werden. Andererseits heißt es nicht, dass man Gott nicht verwirklichen wird, wenn man kein Vegetarier ist.
Ist vom spirituellen Standpunkt aus gesehen das Essen von Fisch genauso schädlich wie das Essen von Fleisch?
Sri Chinmoy: Fisch ist schlimmer als Fleisch. Die Landtiere sind von Natur aus aggressiv, aber gleichzeitig ist das tierische Blut sehr kraftvoll und stark. Im tierischen Bewusstsein gibt es einen gewissen dynamischen Drang nach vorn. Dieser Drang mag richtungslos und wild sein, doch zumindest ist ein gewisser Vorwärtsdrang vorhanden. Ein Tier rennt umher, es ist nicht zufrieden, wenn es nur an einem Ort bleiben muss. Diese dynamische Eigenschaft kann uns zu einem gewissen Grade kräftigen. Sie schafft jedoch auch Probleme, wenn sie in das menschliche Bewusstsein eindringt. Ihre Rastlosigkeit stört unsere Reinheit und den Frieden unseres Verstandes.
Lammfleisch ist das Fleisch, das am wenigsten schädlich ist. Das Lamm ist ziemlich sanft, während andere Tiere aggressiver sind. Auch das Fleisch vom Huhn ist nicht so schädlich wie rotes Fleisch. Es ist an sich nicht gut, Fleisch zu essen, doch wenn man nicht aufhören kann, ist es besser, Fleisch statt Fisch zu essen. Spirituell gesehen sind Fische weniger entwickelt als Landtiere. Ein Tier rennt hierhin und dorthin, es bleibt nicht zufrieden an einem Ort. Aber ein Fisch ist ein Geschöpf der Faulheit, Trägheit, Energielosigkeit, Unreinheit und Unbewusstheit. Untätigkeit ist seine Zufriedenheit, Gemeinheit ist seine Zufriedenheit und der Gemeinheit steht die Welt des Todes am nächsten. Wenn wir von Gemeinheit begrenzt werden, kommt der Tod unmittelbar zu uns und bindet uns. Das Bewusstsein eines Fisches dringt augenblicklich in den Schmutz der Unbewusstheit und der Leblosigkeit ein. Möglicherweise bist du der Meinung, dass ein Fisch unschuldig, demütig und mild sei, doch diese Eigenschaften existieren nur an der Oberfläche. Seine inneren Eigenschaften sind Gemeinheit, Untätigkeit, Faulheit und die Dunkelheit selbst. Im Fisch gibt es keinen Sinn für Fortschritt. Wenn du Fisch essen willst oder Fisch essen musst, dann versuche bitte eher kleine Fische zu essen. Kleine Fische wollen sich manchmal bewusst oder unbewusst dem Licht zuwenden. Aber große Fische wollen sich niemals dem Licht zuwenden, weder bewusst noch unbewusst. Sie verschließen sich dem Licht.
Wie verhält es sich mit Eiern, Milch und Milchprodukten?
Sri Chinmoy: Milchprodukte sind gut. Sie schaden nicht, denn sie haben nicht dieselben zerstörerischen Schwingungen. Doch jene, die Kundalini Yoga betreiben und ihre spirituellen Zentren öffnen wollen, sollten auch keine Milchprodukte zu sich nehmen. Wenn man eines der sechs größeren Zentren öffnen will, schaden Milchprodukte, da sie das Öffnen der Zentren verhindern. Wenn man jedoch Frieden, Licht und Glückseligkeit erfahren möchte und kein Interesse am Öffnen der Chakren hat, kann man alle Milchprodukte essen.
Frage: Ich habe in einem Buch über Makrobiotik gelesen, dass es nicht gut sei Kartoffeln und Tomaten zu essen. Könntest du mir sagen, ob das stimmt?
Sri Chinmoy: Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man alle Gemüsesorten gefahrlos essen kann, wenn man will. Ich kann dir versichern, dass das Essen von Kartoffeln und Tomaten nicht im geringsten schadet. Der einzig wichtige Unterschied besteht zwischen Fleisch und Gemüse.
Wie stellt man am besten auf vegetarische Ernährung um, wenn man gewohnt ist, Fleisch und Fisch zu essen?
Sri Chinmoy: Der sicherste und zuverlässigste Weg besteht darin, Schritt für Schritt zu beginnen. Einer meiner Schüler hatte die Gewohnheit sechsmal am Tag schwarzen Tee zu trinken. Deshalb hatte ich ihn zuerst gebeten, nur noch fünfmal täglich Tee zu trinken, nach einem Monat bat ich ihn, es auf vier Mal täglich zu reduzieren. Mit der Zeit konnte er es ganz aufgeben. Ernste Dinge müssen nach und nach geschehen. Hätte er von heute auf morgen das Teetrinken aufgegeben, wäre er Gefahr gelaufen, ernstlich zu erkranken. Wenn der Körper nicht stark ist, kann jede plötzliche Veränderung unserer Gewohnheiten einen schweren gesundheitlichen Schaden nach sich ziehen.
Was für eine Art Nahrung sollten wir zu uns nehmen, um Reinheit zu erlangen?
Sri Chinmoy: Versucht bitte Fleisch und Fisch zu meiden und natürlich kommen auch Spirituosen und Tabak nicht in Betracht. Alle Früchte und alle Gemüsesorten sowie alle Milchprodukte kann man gut essen. Auch verarbeitete Speisen kann man essen, solange sie der Gesundheit nicht schaden.
Kaffee und Tee sind mit Ausnahme von Kräuter- und Früchtetees ebenfalls nicht gut. Für mich sind Kaffee und schwarzer Tee schwächere Gifte. Sie brauchen nur ein wenig länger, um uns zu töten. Natürlich besitzt jeder Mensch eine gewisse Widerstandskraft. Wenn es sich um ein sehr schwaches Gift handelt, können wir deshalb den Kampf gewinnen, falls wir kämpfen. Aber wir müssen unsere Kraft nicht vergeuden, um gegen diese schwachen Gifte zu kämpfen.
Vegetarisch leben, befreit leben
Eigentlich ist jeder Vegetarier.
Vegetarisch zu leben ist heute nichts Fremdartiges mehr. Aber vor 20 Jahren schon. "Du isst jetzt nur noch Körner?", fragten mich meine Freunde und Verwandte damals etwas ungläubig. Dabei verzichtet man als Vegetarier ja nur auf Fleisch, Fisch und Wurst. So gesehen ist eigentlich jeder zum größten Teil Vegetarier. "Denk doch auch an deine Gesundheit", war noch so ein Einwand. Aber genau an die dachte ich. Sollten Massentierhaltung, künstliche Futterzusätze und ähnliche "Errungenschaften" wirklich gesund sein? Zudem war mir das Töten von Tieren schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Ich jedenfalls lebte mit meiner Entscheidung ganz gut. Und, wer hätte es gedacht? Heute sehen sogar meine stärksten Kritiker von damals alles ein wenig anders.
Von Spiritualität, Meistern und einem vegetarischen Restaurant.
Seit über 15 Jahren folge ich dem Meditationsweg des Spirituellen Lehrers Sri Chinmoy. Und irgendwie ergab es sich, dass Schüler von ihm im Februar 1994 ein vegetarisches Restaurant in der romantischen Stadt Heidelberg eröffneten. Seitdem bin ich mit dabei. "Und sie haben wirklich kein Fleisch?", fragten die Leute damals immer wieder erstaunt. "Und wie ist es mit Fisch?" Doch dies hat sich heute geändert. Vegetarische Ernährung ist, zumindest in Deutschland, bei den Menschen "angekommen". Und das hat viele Gründe. Gesundheit ist sicherlich der wichtigste davon. Aber nicht unbedeutend sind auch moralische Einwände. Vom strikten spirituellen Gesichtspunkt her, kommt noch etwas für die meisten Unbekannteres hinzu: das Bewusstsein.
Was ist Bewusstsein?
Die meisten kennen ja diese Bilderwitze, wo irgendwelche Weiße, meistens christliche Missionare, in den Kochtöpfen wilder Eingeborenenstämme landen. "Würde ich niemals essen, ich will doch kein christlicher Missionar werden", würden jetzt vielleicht Menschen anderer Religionszugehörigkeit einwenden. Aber dennoch essen sie ungerührt die verschiedenartigsten Lebewesen. Jedoch hat jedes Lebewesen, wie zum Beispiel auch obiger Missionar, einen bestimmten Grad der Entwicklung. Und wenn man es verspeist... . Eigentlich ganz logisch. Der Mensch ist, was er isst, heißt es deshalb ja auch so schön. Doch all dem kann man recht leicht aus dem Weg gehen. Denn manchmal ist weniger tatsächlich mehr. So gesehen könnte man sogar sagen:
Je weniger Fleisch, Fisch oder Wurst, desto mehr Gesundheit und Lebensqualität - desto mehr, im wahrsten Sinne des Wortes, "ich selbst" sein.
(Siehe auch Web-Log zur Selbst-Transzendenz von Kai Keller)
