Innere Stimme

Es gibt viele verschiedene innere Stimmen. Woran erkennt man die Stimme der Seele, die einen anleitet, das Richtige zu tun? Sri Chinmoy beschreibt den Charakter der Stimme der Seele, des Herzens, des emotionalen Vitalen und des Verstandes.

Können wir unsere eigenen Fragen durch unsere täglichen Meditationen beantworten?

Sri Chinmoy: Jede Frage, die du hast, kann während oder am Ende deiner Meditation beantwortet werden. Wenn du tief in dich gehst, dann findest du zweifellos die Antwort. Doch wenn du eine Antwort erhältst, musst du herausfinden, ob sie von der Seele oder vom Verstand kommt. Wenn sie vom Herzen oder von der Seele kommt, dann wirst du ein Gefühl der Erleichterung, ein Gefühl des Friedens erhalten. Es werden keine widersprüchlichen Gedanken mehr kommen und der Antwort widersprechen. Aber wenn die Antwort nicht von deinem Herzen oder von der Seele kommt, dann wird der Verstand zum Vorschein kommen und der Botschaft, die du erhalten hast, widersprechen.
Botschaften, die vom Verstand kommen, tragen keine Gewissheit in sich. In diesem Augenblick sagt dir der Verstand etwas, im nächsten Augenblick sagt er etwas anderes. In diesem Augenblick wird dein Verstand dir sagen, ich sei ein sehr guter Mensch; im nächsten Augenblick wird er sagen: „Nein, er ist sehr schlecht.” Aber das Herz gibt dir immer dieselbe Botschaft. Wenn du dich am Morgen hinsetzt, um zu meditieren, gibt es dir eine Botschaft. Wenn du am Abend meditierst, wirst du von deinem Herzen dieselbe Botschaft erhalten.
Wenn du die innere Botschaft erhältst, jemanden zu besuchen – zum Beispiel deinen Chef – wirst du einfach gehen und diesen Menschen besuchen. Doch wenn die Botschaft von deinem Verstand kommt, dann werden viele Fragen in deinem Verstand auftauchen, bevor du ihn besuchen gehst. Wenn du dann schließlich zu ihm gehst und das Ergebnis nicht so ist, wie du es dir erhofft hast, dann wirst du dich verwünschen und sagen: „Nein, ich habe doch nicht das Richtige getan. Ich habe eine falsche Botschaft erhalten."
Wenn die Botschaft jedoch von der Seele kommt, wirst du völlig überzeugt sein und Erfolg wie Misserfolg mit derselben Zufriedenheit hinnehmen. Und wenn du die Botschaft in die Tat umsetzt, wirst du nichts auf deine eigene Weise erwarten; du wirst nicht erwarten, dass dein Chef mit dir zufrieden ist oder etwas für dich tut. Du wirst die innere Botschaft einfach ausführen, und egal, ob das Ergebnis in Form von Erfolg oder Misserfolg kommt, du wirst fühlen, dass du das Richtige getan hast.

Wie können wir herausfinden, ob die Antwort eher vom emotionalen Vitalen als von der Seele kommt?

Sri Chinmoy: Betrachte das Vitale als einen Läufer und die Seele als einen anderen Läufer. Der vitale Läufer läuft am Anfang sehr, sehr schnell, ist voller Aufregung und Enthusiasmus, aber er erreicht das Ziel nicht. Er rennt vielleicht dreißig von hundert Metern, und dann ist er erschöpft. Der andere Läufer rennt am Anfang ebenfalls sehr schnell. Doch wenn der Startschuss einmal gefallen ist, hält er nicht an, bis er sein Ziel erreicht hat. Die Seele kennt ihre Fähigkeiten und wird mit dem größten Vertrauen zu ihrem Ziel laufen.
Wenn du eine Stimme hörst, versuche sogleich zu sehen, welche Art Läufer diese Stimme darstellt. Ist es der Läufer, der erst dann aufhört, wenn das Ziel erreicht ist, oder ist es der Läufer, der dreißig Meter läuft und dann all seine Energie verliert? Wenn die Stimme vom emotionalen Vitalen kommt, wirst du spüren, dass die erhaltene Antwort dich nicht an dein Ziel bringen wird. Aber wenn die Antwort von der Seele kommt, kannst du darauf vertrauen, dass sie dich an dein Ziel bringen wird.
Hier noch eine weitere Methode: Wenn du eine Stimme hörst, die dir die Lösung zu einem Problem bringt, dann stell dir vor, dass sich ein Gefäß füllt. Wenn du das Gefühl erhältst, dass sich das Gefäß langsam und stetig, Tropfen um Tropfen und mit größter innerer Sicherheit füllt, dann weißt du, dass es die Stimme der Seele ist. Andernfalls wirst du das Gefühl haben, das Gefäß werde mit einem Becher oder einem Glas hastig gefüllt. Das Gefäß wird sehr schnell voll, doch schon bald wird es überlaufen. Die Seele wird das Gefäß jedoch mit größtem Vertrauen und innerem Gleichmut füllen. Wenn du diese Art von geduldigem Gefühl erhältst, dann weißt du, dass es die Stimme der Seele ist.
Ein dritter Weg besteht darin, sich eine Flamme im Herzen vorzustellen. Es gibt zwei Arten von Flammen: die eine ist ruhig und still, die andere flackert. Die ruhige Flamme in deinem Herzen wird von keinem inneren Wind gestört. Doch die flackernde Flamme wird von Angst, Zweifel, Furcht und Sorgen gestört. Wenn du fühlst, dass deine Antwort eine flackernde Flamme ist, dann ist es die Stimme des emotionalen Vitalen. Aber wenn es eine sehr ruhige Flamme ist, die dem Höchsten zustrebt, dann weißt du, dass es die Stimme deiner Seele ist. Wenn du einmal weißt, dass es die Stimme deiner Seele ist, dann kann ich dir versichern, dass deine Probleme gelöst sein werden, denn die Stimme der Seele hat grenzenlose Kraft, während die Stimme des Vitalen überhaupt keine Kraft besitzt.

Am Ende eines vollkommenen Tages

Abendliche Waldstimmung.
Fröhlich blinzelten die letzten Abendstrahlen der untergehenden Sonne durch das dichte und tiefgrüne waldene Dach. Meine Schritte flogen wie schwerelos dahin, bis sie schließlich auf dem höchsten Punkt angekommen waren. Hier oben belohnte ein wunderschöner Panoramablick den zügigen Marsch.
Ich weiß nicht mehr, weshalb ich überhaupt diesen steilen Weg gewählt hatte, doch nun spürte ich eine tiefe Freude im mir aufsteigen. Fast so, als habe mich eine innere Botschaft an diesen mystischen Platz geführt.

Hier und Jetzt.
"Hier und Jetzt", heißt ein poetisches Buch des spirituellen Lehrers Sri Chinmoy. Und manchmal gelingt es mir tatsächlich, in dieses Hier und Jetzt völlig einzutauchen. Vor allem dann, wenn ich meiner inneren Stimme ausreichend Beachtung schenke, wie sie versucht sich im Stimmengewirr des lauten Tages Gehör zu verschaffen. So wie in diesem mystischen Augenblick.
Es war still geworden und ich blickte stumm dem weiten Horizont entgegen. Im letzten Schimmer des Lichts trat ich friedlich meinen Heimweg an. Doch schon bald waren auch diese Strahlen verglimmt und hatten dem Schatten der Nacht Platz gemacht. Und immer schemenhafter wurde nun mein Körper, wie er nach und nach von der Dunkelheit verschluckt wurde - ganz am Ende eines vollkommenen Tages.

(Siehe auch Web-Log zur Selbst-Transzendenz von Kai Keller)

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