Religion

Wie ist es möglich, Harmonie zwischen den unterschiedlichen Religionen zu schaffen? Was verursacht den Konkurrenzkampf zwischen den Religionen? Sri Chinmoy betrachtet Religionen als verschiedene Blumen, die alle zur Schönheit eines Gartens beitragen.

Wie stehen Sie zu den religiösen Gruppen, die sich im Namen Gottes mit anderen religiösen Gruppen bekriegen?

Sri Chinmoy: Es stimmt mich sehr traurig, wenn religiöse Gruppen im Namen Gottes mit anderen Gruppen streiten und kämpfen. Wenn sie Gott wirklich lieben, werden sie nicht andere in Seinem Namen töten. Liebe bedeutet Einssein. Wenn wir Einssein haben, wie können wir dann kämpfen? Wir kämpfen nur, weil wir keine Liebe für die anderen empfinden, weil wir unsere Unwissenheit noch nicht in Einsseins-Wirklichkeit umgewandelt haben.
Unser eigenes Wesen setzt sich aus vielen Teilen zusammen - dem Körper, dem Vitalen, dem Verstand, dem Herz und der Seele - und wir beanspruchen sie alle als unser eigen. Auch der Körper besteht aus vielen Teilen, aber wenn wir etwas vollbringen wollen, müssen alle Körperteile zusammenarbeiten. In genau der gleichen Weise können und sollten alle Religionen zusammenarbeiten, wenn wir für die Menschheit etwas Gutes tun wollen. Alle Religionen der Welt - die nach außen hin unterschiedlich, in ihrer Essenz jedoch eins sind - müssen zusammenarbeiten.
Da wir alle den gleichen Ursprung haben, haben wir auch die gleiche letztendliche Bestimmung. Welchen Weg wir auch immer wählen, wir werden am Ende das gleiche Ziel erreichen. Da „alle Wege nach Rom führen“, und wir letztendlich auf die gleiche Quelle zugehen, ist es lächerlich, gegen diejenigen, die eine anderen Weg gewählt haben, zu kämpfen. Einige mögen einen sehr kurzen und direkten Weg einschlagen, während andere eine längere Route nehmen. Einige wollen vielleicht fliegen, während andere sich damit begnügen, zu gehen, aber das Ziel ist das gleiche.
Wenn alle Religionen zusammenarbeiten, können sie sowohl für Gott, als auch für die Menschheit etwas Großes und Gutes vollbringen. Nur die gemeinsamen Gebete und das Wohlwollen der Sucher und Anhänger aller Weltreligionen werden bewirken, dass die höchste Liebe und Mitleid von oben herabkommen. Und nur, wenn Gottes Liebe und Mitleid in das Herz und das Leben der Menschheit herabsteigen, kann sich das Antlitz und das Schicksal der Welt ändern.

Warum beschreiben die verschiedenen Religionen der Welt Gott oft auf viele verschiedene Weisen und schreiben Seinem Willen solch verschiedene Meinungen zu grundsätzlichen Problemen der Welt zu?

Sri Chinmoy: Lassen sie uns alle Religionen als Mitglieder einer Familie verstehen. In einer Familie gibt es viele Mitglieder und jedem steht es zu, eine unterschiedliche Meinung zu haben. Aber sie wissen nicht, dass sie alle zur selben Familie gehören. Wahre Religion ist wie ein Lebensbaum; er hat viele Äste mit zahllosen Blüten, Früchten und Blättern. Wenn wir mit verschiedenen Teilen des Lebensbaums befasst sind, sehen wir verschiedene Meinungen zu den Problemen der Welt.
Jeder einzelne Sucher sieht den Schöpfer und die Schöpfung gemäß seinem eigenen Streben und seiner Entwicklungsstufe. Was wir brauchen, ist Licht, um unsere inneren und äußeren Unterschiede zu erleuchten. Durch unser Einsseins-Leben werden wir zum Höchsten gehen, marschieren oder laufen. Wir müssen Anerkennung für und mitfühlendes Einssein mit allen Religionen haben, um Harmonie zu schaffen, die sich auf der ganzen Länge und Breite der Welt verbreiten wird.

Sind alle Religionen Wege, die uns die Erfahrung von Gott schenken, unabhängig von dem historischen Erscheinen der Botschaft der Religion?

Sri Chinmoy: Es ist wahr, dass ich meine Schüler nicht bitte, ihre Religion zu verlassen. Für mich sind Religionen wie Häuser. Jeder muss in einem Haus leben. Aber wenn sie in einer speziellen Schule studieren wollen, können sie aus ihrem Haus herauskommen. In der spirituellen Schule haben sie den gleichen Lehrer, uns sie lernen alle die gleiche Lektion. Welche Lektion lernen sie? Liebe zu Gott. Und Liebe zu Gott ist die Essenz aller Religionen.
Ja, ich glaube an einen Gott, eine Quelle. Liebe zu Gott ist wie ein Baum - der Lebensbaum - und er hat viele Äste. Jeder dieser Äste hat seine eigene Identität und seinen eigenen Namen, wie etwa Christentum, Buddhismus, Hinduismus, Judentum, Islam und so weiter. Aber sie sind stets Äste desselben Baumes.
Sogar in unserem menschlichen Leben sehen wir, dass dieselbe Person von verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Namen bezeichnet wird. Du nennst deinen Vater „Papa“, während ich ihn mit seinem Nachnamen anreden werde, da ich ihn nicht kenne. Die Brüder und Schwestern deines Vaters werden ihn mit einem Namen aus der Kindheit anreden, und deine Mutter wird vielleicht ihren eigenen liebevollen Kosenamen für ihn haben. So rufen ihn seine Lieben mit verschiedenen Namen, und seine Freude und Bekannten reden ihn auch unterschiedlich an. Aber er ist ein und dieselbe Person. Ebenso bezeichnen Menschen von verschiedenen Religionen Gott mit verschiedenen Namen, aber es ist dasselbe Wesen, an das sie sich wenden.
Ich glaube auch, dass alle Religionen Wege sind, die uns die Erfahrung von Gott schenken, völlig unabhängig von dem historischen Erscheinen ihrer Botschaft. Es ist wahr, dass jeder religiöse Lehrer oder Prophet mit einer speziellen Botschaft kommt, die sich für die Menschen seiner Zeit eignet. Aber die Unwissenheit und der Mangel an Empfänglichkeit der Menschheit sind so geartet, dass, wann immer ein Prophet kommt, er seiner Zeit voraus zu sein scheint. Wenn Gott einen Propheten sendet, einen Messias, einen großen religiösen Lehrer, ist es definitiv deswegen, um Ihm während einer bestimmten Zeit zu dienen und Ihn zu manifestieren. Aber auch wenn die Welt nicht bereit zu sein scheint, die Botschaft, die er bringt, zu erhalten, spielt diese Botschaft dennoch eine besondere Rolle im Erd-Bewusstsein. Die Lehren des Erlösers Christus beispielsweise haben seit 2000 Jahren die Menschheit geführt, erhoben und erleuchtet, und sie werden Jahrhunderte lang fortfahren, dies zu tun.

Sind Sie ein Hindu?

Sri Chinmoy: Ich wurde in eine Hindu-Familie hineingeboren, aber weil ich ein Wahrheitssucher und Gottliebender bin, fühle ich, dass es nur eine Religion gibt und das ist die Liebe zu Gott. Wenn wir Gott aufrichtig lieben, umarmen wir alle Religionen und nennen sie unser eigen.

Diese Philosophie hätte in den vergangenen Jahren viele Kriege verhindern können.

Sri Chinmoy: Wenn man aufrichtig betet und meditiert, stellt man fest, dass Gott dein Herz ausdehnt. Dann existiert für dich so etwas wie der Hinduismus, das Judentum, das Christentum oder der Buddhismus nicht mehr. Es gibt dann nur noch Einssein. Im Einssein existiert Freude. Trennung bedeutet Frustration. Wenn wir aufrichtig beten und meditieren, werden wir niemals wagen zu behaupten, dass unsere Religion die einzige ist, der es sich zu folgen lohnt, und dass der Erlöser, an den wir glauben, der alleinige Retter der ganzen Welt ist. Wir werden lediglich sagen, dass wir einer bestimmten Lebensweise folgen. Wenn sie dir gefällt, dann schön und gut. Es gibt zahlreiche Boote, die dich ans Goldene Ufer bringen. Wenn dir dieses bestimmte Boot zusagt, so kannst du einsteigen. Wenn dir ein anderes Boot mehr zusagt, dann bist du mehr als willkommen, in das andere Boot zu steigen. Das Ziel aber ist das gleiche.
Nehmen wir an, Rom sei unser Ziel. Wenn wir dorthin fliegen wollen, können wir fliegen. Wenn wir ein Boot nehmen wollen, können wir das tun. Oder wenn wir irgendein anderes Transportmittel benutzen wollen, steht uns dies ebenfalls frei. Die Entscheidung treffen wir. Du kannst nicht behaupten, ich würde Rom nie erreichen, nur weil ich das Boot nehme. Nein, wir werden alle das Ziel zu Gottes auserwählter Stunde erreichen.

Sri Chinmoy und die Einheit der Religionen

Gedanken (Blog) von kai_keller

Sri Chinmoy kannte alle Religionen.
Sri Chinmoy kannte alle Religionen. "Sie sind wie ein Haus", sagte er immer. "Spiritualität ist die Straße." Sri Chinmoy musste es wissen, denn er hatte sich selbst in der Meditation gefunden, war zum authentischen Spirituellen Meister geworden. Vor über 15 Jahren traf ich ihn zum ersten Mal. Am 11. Oktober 2007 ist Sri Chinmoy in seiner Wahlheimat New York gestorben und zurückgekehrt auf die ewige Straße.

Die Einheit aller Religionen.
John Lennon besingt in seinem berühmten Lied "Imagine" die Einheit aller Menschen und Religionen. Manche hielten diesen Song damals für etwas zu naiv und kindlich verklärt, aber mich hatte er schon immer fasziniert. Ist es nicht dies, die Einheit mit allem, wonach sich jeder Mensch in Wirklichkeit sehnt? Deshalb war ich erstaunt, dass nicht jeder so dachte. Aber vielleicht dachte ich am Anfang auch nicht so und kannte eigentlich nicht viel mehr als das Kirchengebäude, welches ich allsonntäglich besuchte. Und wäre ich nicht zufällig auf die Weisheit der östlichen Religionen gestoßen, wer weiß... . Aber alles kam anders.

Begegnung mit Sri Chinmoy.
Ich kannte ihn nicht. Und trotzdem war er mir vertraut. Viele werden dies vielleicht jetzt nicht verstehen. Aber Sri Chinmoy trat plötzlich in mein Leben und es war mir, als wäre er schon immer da gewesen. Vieles faszinierte mich an ihm. Aber vor allem war es seine Toleranz, seine Erkenntnis der Einheit in der Vielfalt, die mich sofort ansprach. "Spiritualität ist die Straße. Religionen sind wie ein Haus", pflegte Sri Chinmoy immer zu sagen. Sie sind wie ein Anker im Leben des Einzelnen. Oder wie es der bekannte Komiker Hape Kerkeling einmal formuliert hat: "Ich glaube schon, dass der Mensch eine Hilfe braucht, die ihm sagt, wie man sich Gott nähern kann. Und das geht schon ganz gut über eine Religion."
Aber dennoch kann es wohl nur eine Wahrheit, eine zugrunde liegende Einheit geben. Und dies ist keineswegs ein Widerspruch, sondern nur jene große kosmische Wirklichkeit, die sich in unendlich vielen Formen und Farben offenbart. So wie ein Regenbogen gleichzeitig gelb, blau und rot sein kann - und ist doch immer derselbe Regenbogen.

(Siehe auch Web-Log zur Selbst-Transzendenz von Kai Keller)

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