Innerer Friede durch Meditation
Wie können wir bleibenden inneren Frieden entwickeln trotz eines geschäftigen Alltags?
Fragen
- Warum meditieren wir?
- Kann uns die Meditation vor der Ungerechtigkeit schützen, die wir im Leben erfahren?
- Unser Frieden ist in uns
- Wie können wir dauerhaften inneren Frieden erlangen?
- Ich frage mich, ob ich inneren Frieden nicht am besten dadurch erreiche, indem ich mich von der Welt zurückziehe und überhaupt nicht mehr handle.
Gedanken
Warum meditieren wir?
Sri Chinmoy: Warum meditieren wir? Wir meditieren, weil unsere Welt nicht fähig war, uns zu erfüllen. Der sogenannte Friede, den wir in unserem täglichen Leben spüren, besteht aus zehn Minuten Frieden nach zehn Stunden Bedrücktheit, Sorgen und Frustration. Wir sind ständig den negativen Kräften ausgeliefert, die überall um uns herum sind: Eifersucht, Furcht, Zweifel, Sorgen, Ängste und Verzweiflung. Diese Kräfte sind wie Äffchen. Wenn sie es überdrüssig sind, uns zu beißen und sich ein paar Minuten ausruhen, sagen wir, wir hätten Frieden. Doch dies ist kein wirklicher Friede, denn schon im nächsten Augenblick greifen sie uns wieder an.
Nur durch Meditation können wir dauerhaften, göttlichen Frieden erlangen. Wenn wir am Morgen seelenvoll meditieren und auch nur eine Minute lang Frieden empfangen, dann wird diese Minute des Friedens unseren ganzen Tag durchdringen. Und wenn wir eine sehr hohe Meditation haben, erhalten wir wirklich bleibenden Frieden, bleibendes Licht und bleibende Freude. Wir brauchen Meditation, da wir in das Licht wachsen möchten und uns im Licht erfüllen wollen. Wenn das unser Streben ist, wenn das unser Durst ist, dann ist Meditation der einzige Weg.
Wenn wir mit dem, was wir haben und mit dem, was wir sind, zufrieden sind, dann besteht für uns kein Grund, in das Reich der Meditation einzutreten. Wir beginnen mit der Meditation, weil wir einen inneren Hunger verspüren. Wir fühlen, dass es in uns etwas Leuchtendes, etwas Weites, etwas Göttliches gibt. Wir spüren, dass wir dieses Etwas dringend brauchen, nur haben wir gegenwärtig keinen Zugang dazu. Unser Hunger entspringt also einem spirituellen Bedürfnis.
Kann uns die Meditation vor der Ungerechtigkeit schützen, die wir im Leben erfahren?
Sri Chinmoy: Wenn du dich verteidigen oder schützen musst, solltest du immer versuchen, eine höhere Waffe zu benutzen. Wenn die Leute etwas sagen und du auf der gleichen Ebene zurückschlägst, dann wird es kein Ende geben. Wenn du aber andererseits deinen Ärger einfach hinunterschluckst, werden die Leute fortfahren, dich auszunutzen. Doch wenn die Leute in dir einen starken Frieden, den man durch die Meditation erhalten kann, sehen und fühlen können, dann werden sie in dir etwas erkennen, das niemals überwunden werden kann. Sie werden in dir eine Veränderung sehen, und diese Veränderung wird sie nicht nur verwirren, sondern ihnen auch drohen und sie einschüchtern. Die Leute werden fühlen, dass ihre Waffen nutzlos sind.
Friede ist die wirksamste Waffe, mit der man Ungerechtigkeit überwinden kann. Wenn du betest und meditierst, wird dein gesamtes Wesen von Frieden durchdrungen werden. Das ist nicht nur Einbildung. Du kannst den Frieden fühlen; du kannst im Ozean des Friedens schwimmen. Ganz gleich, was die anderen Menschen tun, du wirst fühlen, dass sie nur Kinder sind, die vor dir spielen. Du wirst sagen: „Das sind doch nur Kinder. Was kann ich sonst von ihnen erwarten?” Im Augenblick bist du noch aufgebracht und wütend, weil du die Menschen aufgrund ihres Alters als erwachsen betrachtest. Wenn du regelmäßig betest und meditierst, wirst du bald fühlen, dass dein Frieden unendlich stärker, erfüllender und kraftgeladener ist als die unglücklichen Situationen, die andere schaffen.
Unser Frieden ist in uns
Sri Chinmoy: Du kannst in deinem äußeren Leben keinen Frieden haben, wenn du nicht zuvor Frieden in deinem inneren Leben errichtet hast. Alles beginnt in der inneren Welt. Wenn du früh am Morgen, bevor du dein Haus verlässt, einige göttliche Gedanken hegst, dann werden diese Gedanken als kraftspendende, erfüllende Wirklichkeiten in dein äußeres Leben treten.
Früh am Morgen, bevor du dich in das geschäftige Treiben des Alltags stürzt, solltest du regelmäßig fünfzehn oder dreißig Minuten lang meditieren. Wenn du dann aus deinem Haus heraus in die Welt trittst, wirst du gut beschützt sein – nicht durch eine Rüstung, sondern durch göttliche Gedanken, göttliche Ideen und ein göttliches Ziel.
Wenn wir richtig meditieren, werden wir allmählich inneren Frieden erfahren. Darüber hinaus werden wir fühlen, dass wir ein sehr großes Herz besitzen, das die ganze Welt in sich aufnehmen kann. Wir werden spontane Freude spüren. Manchmal wissen wir vielleicht nicht, wo diese Freude herkommt, aber sie kommt tatsächlich von unserer eigenen Meditation.
Tief in uns ist ewige Stille, ewiger Frieden und ewige Ruhe. Wenn wir vollkommen ruhig und still sind, erkennen wir, dass uns das innere Leben seine eigene Energie anbietet. Unser menschlicher Verstand mag diese Energie nicht begreifen, da sie nicht im Verstand entspringt. Doch unser Herz empfängt diese Energie von der Seele.
Während einer tiefen Meditation ist nur das Herz aktiv. Die Aktivität des Verstandes ist völlig ruhiggestellt. Das Herz identifiziert sich mit Frieden, und in diesem Frieden kultivieren wir die innere Wahrheit und wachsen in das innere Licht.
Wie können wir dauerhaften inneren Frieden erlangen?
Sri Chinmoy: Wir erhalten keinen dauerhaften Frieden, wenn unser Verstand uns sagt, dass das Eine nicht auch die Vielheit und die Vielheit nicht auch das Eine sein kann. Wir können nur dann dauerhaften inneren Frieden erlangen, wenn wir fühlen, dass Gott, unser Höchster Lenker, als der Eine in der Vielheit und als die Vielheit in dem Einen wohnt. Wenn wir diese Wahrheit in unserem Leben bewusst fühlen können, erhalten wir immerwährenden Frieden, gleich, was wir sagen oder tun, gleich was wir geben oder empfangen.
An dem Tag, an dem ich meine Existenz und mein erleuchtendes Herz in jedem einzelnen spüre, werde ich unverzüglich eins mit der Vielheit und die Vielheit wird eins in mir. Wenn ich dann Frieden empfange oder dieser von oben herabkommt, und ich ihn in mir aufnehme, dann sehe und fühle ich, dass zugleich die ganze Menschheit diesen Frieden in sich aufgenommen hat. Deshalb weil ich bereits mein bewusstes Einssein mit der Menschheit hergestellt habe.
Wir müssen fühlen, dass es sich mit Gott und den Menschen so verhält wie mit einem großen Baum. Gott ist der Baum und wir sind die Äste. Der Baum hat zahlreiche Äste und sie sind sowohl untereinander als auch mit dem Baum selbst verbunden. Wenn wir fühlen können, dass wir mit Gott und den Menschen in derselben Weise verbunden sind, in der ein einzelner Ast zu den übrigen Ästen und zum Baum selbst in Beziehung steht, dann können wir dauerhaften Frieden erhalten.
Ich frage mich, ob ich inneren Frieden nicht am besten dadurch erreiche, indem ich mich von der Welt zurückziehe und überhaupt nicht mehr handle.
Sri Chinmoy: Wenn wir glauben, wir müssten uns von der Welt zurückziehen, um Frieden zu erlangen, begehen wir einen ernsthaften Fehler. Wenn wir uns zurückziehen, wird nie Zufriedenheit dämmern. Nur durch unser Handeln können wir Fortschritt machen und etwas erreichen. Nur wenn wir aktiv sind, etwas erschaffen und manifestieren, können wir wahre Erfüllung finden.
Wir müssen jedoch wissen, dass der Friede in unserem Leben nicht Einzug hält, wenn wir etwas von unserer Handlung erwarten. Wenn wir ein bestimmtes Ergebnis von unserer Handlung erwarten, werden wir nur enttäuscht sein, sobald es sichtbar wird. Wir haben dann das Gefühl, wir hätten versagt. In diesem Fall wird sich natürlich der Friede nicht einstellen.
Stattdessen sollten wir fühlen, dass die Handlung selbst ein großer Segen ist. Das Ergebnis der Handlung jedoch müssen wir als Erfahrung annehmen. Gemäß unseres eigenen begrenzten Verständnisses sehen wir in ihr entweder einen Erfolg oder einen Misserfolg. In Gottes Augen jedoch sind Erfolg wie Misserfolg nur Erfahrungen, die uns helfen, unser Bewusstsein zu entwickeln. Was auch immer geschieht, wir sollten es als genau die Erfahrung ansehen, die uns Gott geben wollte. Heute mag Er uns die Erfahrung von Misserfolg zuteil werden lassen. Morgen mag Er uns eine andere Erfahrung zuteil werden lassen, die uns äußerlich zufrieden stellt. Wenn wir aber ein spirituelles Leben führen, werden wir – ungeachtet des Ergebnisses – erfüllt sein, weil wir darin den Willen Gottes sehen.
Nehmen wir beispielsweise einen Fluss. Ein Fluss führt allerlei Unrat und Schmutz – Steine, Blätter und Sand – mit sich, den er aufnimmt, während er sich auf sein Ziel zubewegt. Dennoch fließt er unentwegt ins Meer. Auch wir sollten unser Leben als einen Fluss sehen, der in das Meer der Erfüllung mündet. Wenn wir Angst davor haben, zu handeln, weil wir von der Unvollkommenheit der Welt unberührt bleiben möchten, wenn wir reglos und untätig werden, dann werden wir das Ziel niemals erreichen.
Wir mögen erwidern, dass wir nicht wüssten, wo sich das Ziel zum jetzigen Zeitpunkt befindet. Das ist nicht schlimm! Wichtig ist, dass wir uns überhaupt bewegen. Wenn wir in die falsche Richtung gehen, werden wir das sehr bald merken und eine andere Richtung einschlagen. Am Ende werden wir das Ziel erreichen. Wenn wir uns jedoch überhaupt nicht bewegen, besteht nicht die geringste Chance, dass wir in die richtige Richtung gehen. Wenn wir unsere Arbeit nicht uneigennützig und selbstlos verrichten können, dann sollten wir unsere Arbeit zuerst aus einem anderen Motiv heraus tun. Wenn Ego und Eitelkeit zum Vorschein kommen, wenn wir jemandem helfen, sollten wir sie kommen lassen. Der Tag wird dämmern, an dem wir fühlen werden, dass uns dies nicht dauerhaft zufrieden stellen kann; dann werden wir versuchen, unsere Arbeit auf eine göttlichere Weise zu verrichten.
Es ist immer unendlich besser zu handeln als untätig zu sein. Wir mögen anfangs umherlaufen wie ein wildgewordener Elefant, aber am Ende werden wir wie ein Reh geradewegs auf unser Ziel zulaufen. Auch wenn wir zunächst mit der wilden und zerstörerischen Kraft eines Elefanten handeln, am Ende werden wir die Anmut und Schnelligkeit eines Rehes besitzen.
Die Tat ist unsere friedvolle Errungenschaft. Die Tat ist unsere friedvolle Erfüllung. Die Tat ist unsere friedvolle Manifestation. Wir müssen daher handeln. Wenn wir uns vom Leben zurückziehen, sagen wir zu Gott, dass wir an Seinem Spiel nicht teilnehmen wollen. Gott wird erlauben, dass wir uns ein paar Tage, Monate oder Jahre lang zurückziehen. Dann aber wird Er uns dazu zwingen, wieder mitzuspielen, damit Er sich Selbst in und durch uns erfüllen kann. Wenn wir die Welt jedoch nicht annehmen, wird die Welt unvollkommen und wir werden unerfüllt bleiben.
15 Jahre mit dem Meditationsmeister Sri Chinmoy
Erstellt von kai_keller am 11. Mai 2008 - 19:10Das Mysterium eines spirituellen Meisters.
Am 11.Oktober 2007 hat der große spirituelle Lehrer Sri Chinmoy seinen physischen Körper verlassen. 15 Jahre habe ich ihn auf dessen Lebensweg begleitet. Doch die Existenz eines wirklichen Meditationsmeisters wird immer ein Mysterium bleiben. Daher muss auch ich zugeben, vieles an Sri Chinmoy nicht wirklich verstanden zu haben. Aber dennoch ging eine Ruhe und Stille von ihm aus, die keines Verstehens bedurfte. So erinnere ich mich zum Beispiel, wie ich Sri Chinmoy unzählige Male in tiefer Meditation beobachtete. Und immer griff diese Welle der Ruhe und Stille zumindest teilweise auf mich über.
Ein spiritueller Meister: faszinierend und unwiderstehlich zugleich.
Ja, Sri Chinmoy war wirklich unwiderstehlich. Etwas, was ich sonst bei keinem anderen Menschen in ähnlicher Weise erlebt habe. Und alles an ihm war stets spontan, unmittelbar - realer als es das so genannte alltägliche Leben je sein könnte. Doch auch ich hatte meine Zweifel. Sicherlich nicht an Sri Chinmoy selbst, dafür war er viel zu authentisch und glaubwürdig. Eher waren dies die Zweifel meines stets argwöhnischen Verstandes, der mit einredete, nicht für das innere, spirituelle Leben geeignet zu sein. Doch dem Frieden, welcher von Sri Chinmoy ausging, konnte selbst dieser argwöhnische Verstand sich letztendlich nur noch teilweise widersetzen.
Momente der Ruhe und Stille.
Diese Momente der inneren Ruhe, die ich mit und durch Sri Chinmoy erlebt habe, werde ich niemals mehr vergessen. Wenn für einen kurzen Augenblick mein ganzes Leben, alle Erfahrungen, Erlebnisse und Ereignisse, wirklich einem tieferen Sinn zu entspringen schienen. Aufgelöst, im wahrsten Sinne des Wortes, in einem Meer des Friedens, der Harmonie und Stille.
(Siehe auch Web-Log zur Selbst-Transzendenz von Kai Keller)
Der Frieden hinterm Horizont
Erstellt von kai_keller am 22. Mai 2008 - 16:49New York, New York.
Ganz weit entfernt - am hellblauen, klaren Horizont - waren die Umrisse Manhattans zu erkennen. Langsam und bedächtig neigte sich die Spitze des mächtigen Linienflugzeuges, um nur kurze Zeit später auf dem New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen zu landen. Überall um mich herum wimmelte es nun von Menschen aus den verschiedensten Teilen dieser Erde. Und schon bald darauf saß ich in einem dieser typisch gelben New Yorker Taxis und fuhr eine breite amerikanische Stadtautobahn entlang. Bis schließlich das für Touristen mehr als ungewöhnliche Ziel erreicht war: der schlichte Stadtteilbezirk Jamaica, welcher zum größten New Yorker Stadtteil Queens gehört.
Mit der Zeit erblickte ich auch andere, die wie ich von weit entfernt her angereist waren. Manche wirkten auf mich vertraut, manche sah ich zum ersten Mal. Und doch hatten wir alle das gleiche Ziel: eine kleine, parkähnliche Tennisanlage, inmitten der vielleicht pulsierendsten Metropole der Welt.
Die Essenz der Meditation.
Alles war ruhig und still, unterbrochen nur von ein paar Singvögeln, die diesen plötzlich aufkommenden Frieden in ihrem stetig wiederkehrenden, zwitschernd-angenehmen Rhythmus unterbrachen. Ich setzte mich auf eine der erhöhten Holzbänke, die den Ort fast wie eine Art Amphitheater erscheinen ließen. Von dort aus beobachtete ich das Zentrum der Anlage. Und plötzlich entdeckte ich hin. Fast unscheinbar wirkend und in sich selbst versunken saß er unbeeindruckt da und schien trotzdem alles um sich herum in eine Atmosphäre des Friedens zu tauchen. Einer der großen Meditationsmeister unserer Zeit: Sri Chinmoy.
Es war nicht das erste Mal, dass ich diesem Platz und Sri Chinmoy einen Besuch abstattete. Und doch schien es mir stets neu und mysteriös zu sein. Aber was all meine Besuche wie einen roten Faden verknüpfte, war dieser gefühlte, authentische Frieden, den der große spirituelle Lehrer Sri Chinmoy ausstrahlte und mit dem er geheimnisvoll seine gesamte Umgebung umhüllte. Ich weiß nicht, wie viel ich wirklich davon aufnehmen und in meinen Alltag bringen konnte. Doch es sind diese Momente der Stille, die mir eines der größten Ziele der Meditation, ja, des gesamten Lebens, immer wieder vor Augen führen: den eigenen, inneren Frieden tief in mir selbst zu entdecken und damit mein gesamtes Wesen zu erfüllen. Oder wie es der Meditationsmeister Sri Chinmoy einmal selbst lyrisch formulierte:
"Frieden nährt den ganzen Menschen - sein inneres und äußeres Leben."
(Siehe auch Web-Log zur Selbst-Transzendenz von Kai Keller)
